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Die Musik, die noch niemand komponiert hatte


Der Wind hatte gedreht.
Nicht stark. Nur genug, damit die Palmen anders rauschten als vorher.


Matthias behauptete später, solche Dinge würden ihm nicht auffallen.
Aber sie fielen ihm auf.


Er saß auf einem umgedrehten Plastikkanister vor der Strandhütte und versuchte seit zehn Minuten erfolglos, eine Mücke zu töten, die offenbar höhere evolutionäre Fähigkeiten besaß als gewöhnliche Mücken.


Baluvana beobachtete ihn schweigend.


„Du könntest sie auch einfach leben lassen“,

sagte er schließlich.


Matthias sah ihn an, als hätte gerade jemand vorgeschlagen, die deutsche Steuerordnung durch Flötenmusik zu ersetzen.


„Das Tier trinkt mein Blut.“


Baluvana nickte langsam.
„Ja. Viele Beziehungen funktionieren so.“


Matthias schnaubte gegen seinen Willen.


Das Meer lag dunkel vor ihnen. Irgendwo bellte ein Hund.

Dann wieder Stille.


Baluvana drehte am alten Radio. Rauschen.

Fetzen einer entfernten Nachrichtensendung.

Ein philippinischer Popsong.

Noch mehr Rauschen.
Dann diese seltsamen drei Töne.
Wieder.


Matthias bemerkte,

wie Baluvana plötzlich still wurde.
„Was ist mit dir?“


Keine Antwort.


Baluvana blickte hinaus, als würde dort draußen etwas zuhören.


„Kennst du das“, sagte er leise, „wenn etwas vollkommen neu wirkt… und gleichzeitig uralt?“


„Nein.“


„Doch“, sagte Baluvana.

„Bestimmt.“


Matthias wollte widersprechen.

Tat es aber nicht.
Das störte ihn leicht.


„Ich glaube“,

sagte Baluvana schließlich, „Menschen erinnern sich an viel mehr, als sie denken.“


Matthias hob die Augenbrauen.
„Jetzt kommen die vergangenen Leben.“


„Nein.“ Baluvana lächelte.

„Das wäre mir zu einfach.“


Er nahm einen Schluck kalten Kaffees und verzog kurz das Gesicht.


„Ich meine eher… Spuren.“


„Welche Spuren?“


Baluvana dachte nach.


„Hast du jemals einen Ort betreten… und plötzlich das Gefühl gehabt,

du müsstest traurig sein,

obwohl objektiv gar nichts passiert ist?“


Matthias antwortete nicht sofort.


Leider ja.


„Oder jemanden getroffen“,

fuhr Baluvana fort, „den du eigentlich kaum kennst —

und trotzdem vertraut er dir sofort. Oder macht dir Angst.

Oder du liebst ihn fast grundlos.“


Matthias blickte ins Dunkel.


Der Wind bewegte den Bambuszaun.


„Psychologie“, sagte er schließlich.
„Vielleicht.“


Baluvana lächelte leicht.
„Oder Resonanz.“
Stille.


Keine unangenehme.

Eher jene seltene Art, in der Gedanken langsam ihr Gewicht verändern.


Das Radio knackte wieder.
Diese drei Töne.


Matthias schüttelte den Kopf. „Vielleicht ist das einfach irgendein schlechter Sender.“


„Natürlich“, sagte Baluvana.

„Und vielleicht ist Mozart nur zufällig auf ein paar gute Noten gefallen.“


Matthias musste lachen.


Kurz nur. Aber echt.
Dann wurde er wieder still.


„Glaubst du wirklich…

“ Er stockte plötzlich.


Baluvana wartete.
„Ach, vergiss es.“


„Nein. Jetzt interessiert es mich.“


Matthias rieb sich übers Gesicht.
Zum ersten Mal wirkte er müde. Nicht körperlich. Älter.


„Glaubst du wirklich,

Menschen können sich noch verändern?“


Der Wind wurde leiser, als würde selbst die Nacht zuhören.


Baluvana antwortete nicht sofort.


Dann zeigte er hinaus aufs Meer.
„Siehst du die Wellen?“


„Ja.“


„Welche davon ist dieselbe wie vor zehn Sekunden?“


Matthias schwieg.


„Und trotzdem“, sagte Baluvana, „nennen wir es immer noch Meer.“


Das Radio rauschte leise weiter.


Irgendwo hinter den Palmen hustete der alte Generator,

als hätte auch er langsam genug von der Menschheit.


Matthias starrte hinaus aufs Wasser.


„Und was ist, wenn Menschen sich gar nicht verändern?“

fragte er irgendwann.


„Was, wenn sie nur neue Geschichten über dieselben Fehler erfinden?“


Baluvana lächelte.


„Das passiert ziemlich oft.“


„Na also.“


„Aber manchmal“, sagte Baluvana ruhig,

„geschieht etwas Kleines.“


Er nahm einen Stock und zeichnete eine Spirale in den Sand.


„Jemand hört plötzlich auf zu warten.“


Der Wind strich durch die Nacht.


„Worauf?“


Baluvana dachte kurz nach.


„Auf Erlaubnis.

Auf perfekte Umstände.

Auf irgendeinen imaginären Zeitpunkt, an dem das Leben endlich beginnt.“


Matthias sagte nichts mehr.


Und genau darin lag plötzlich mehr Ehrlichkeit als in all seinen vorherigen Argumenten.


Das Radio knackte erneut.


Für einen Sekundenbruchteil erklang wieder diese seltsame Melodie.
Drei einfache Töne.


Und doch hatte Baluvana das Gefühl, dass sie nicht aus der Vergangenheit kamen.
Sondern aus etwas, das noch auf die Menschheit wartete.


Er blickte hinauf zu den Sternen.


Vielleicht existierte Zeit tatsächlich nicht linear.

Vielleicht waren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eher wie ein Akkord:
nicht nacheinander — sondern gleichzeitig schwingend.


Vielleicht war Bewusstsein keine feste Identität.

Vielleicht bewegten sich Menschen eher wie Muster durch die Jahrhunderte.

Wie wiederkehrende Musik.


Ein rebellischer Trommler.

Eine Mathematikerin in Alexandria.

Ein blinder Pianist.

Ein Kind, das nachts in den Himmel blickte und nicht wusste, warum es sich plötzlich nach etwas sehnte, das es nie erlebt hatte.


Fragmente.
Resonanzen.


Nicht Beweise. Nicht Religion.
Nur die leise Möglichkeit, dass das Universum sich erinnert, ohne denken zu müssen.


Neben ihm atmete Matthias schwer aus.


„Du und deine Theorien“, murmelte er.


Baluvana grinste leicht.


„Du wärst überrascht, wie viele wissenschaftliche Durchbrüche mit genau diesem Satz begonnen haben.“


Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Matthias, ohne es sofort wieder zu verstecken.


Und irgendwo — zwischen zwei Radiostationen,

zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Zufall und Bedeutung —

spielte für wenige Sekunden eine Musik,

die noch niemand komponiert hatte.

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