30

Das Fremde in uns

Vielleicht war das Ich nie so geschlossen,
wie wir es uns erzählt haben.

Wir tragen Ozeane uralter Erinnerungen in uns.

Nicht nur in Gedanken —
auch in Zellen,
Bakterien,
Rhythmen,
Gerüchen,
unbewussten Reaktionen.

Der menschliche Körper
ist weniger ein Individuum
als eine Vereinbarung.

Eine wandernde Gemeinschaft.

Ein atmendes Ökosystem,
das gelernt hat,
seinen eigenen Chor
für eine einzelne Stimme zu halten.

Vor Milliarden von Jahren
existierte etwas,
das keinen Namen brauchte.

Eine winzige Ordnung
im Chaos der jungen Erde.

LUCA nennen wir es heute.

Den letzten gemeinsamen Ursprung.

Vielleicht begann dort
nicht nur das Leben —

sondern auch das langsame Missverständnis
der Trennung.

Denn selbst jetzt
leben mehr fremde Wesen in uns,
als menschliche Zellen.

Wir sagen:
„mein Körper“

während Billionen unsichtbarer Mitbewohner
lautlos mitentscheiden,
wer wir sind.

Sie verdauen.

Sie schützen.

Sie beeinflussen Hunger,
Angst,
Stimmung,
Verlangen.

Vielleicht denken wir nie allein.

Und vielleicht
war Einsamkeit
schon immer teilweise
eine optische Täuschung.

→ zurück

→ 40